Chinas
Staatssicherheit hat Angst vor einer Maus im Internet
Als "Stainless Steel
Mouse" ist Liu Di im Internet bekannt. Ihre Texte sind hingegen
so weich und vieldeutig, dass unklar ist, warum Chinas Staatssicherheitsdienst
meinte, die junge Pekinger Psychologiestudentin unbedingt in Haft
nehmen zu müssen. An diesem Freitag ist es genau ein Jahr her,
dass die heute 23-Jährige ihre Freiheit verlor. Anklage wurde
nicht erhoben. Die Polizei präsentierte so wenig Beweise für
den Verdacht einer "Untergrabung der Staatsgewalt", dass
sich der sonst nicht zimperliche Staatsanwalt außer Stande
sieht, die Studentin vor Gericht aburteilen zu lassen. Doch Liu
Di wird weiterhin in Haft gehalten.
Die Geschichte der "Maus" ist typisch für das harte
Durchgreifen und die Willkür der Staatssicherheit gegenüber
Aktivisten, die im Internet ihre Ansichten austauschen. Etwa 40
Cyber-Dissidenten sitzen nach Schätzungen heute in China in
Haft. Einige wurden zu Gefängnisstrafen bis zu zehn Jahren
verurteilt. Andere warten auf ihren Prozess. Auch dem Bürgerrechtler
He Depu, der am Donnerstag eine hohe Haftstrafe von acht Jahren
bekam, wurden Texte zur Last gelegt, die er ins Internet gestellt
hatte -- darunter ein Appell an US-Präsident George W. Bush,
sich für mehr Menschenrechte in China einzusetzen.
Ganz anders Liu Di. Einige ihrer Texte könnten in chinesischen
Zeitungen gedruckt werden. Selbst in den Chaträumen des Parteiorgans
Volkszeitung sind härtere Töne zu vernehmen. Mit Dissidenten
hat sie reichlich wenig zu tun. "Andere Autoren gehen viel
weiter", stellt ein Intellektueller fest, der sich für
Liu Di einsetzt. "Die Festnahme macht sie größer,
als sie ist." Direkte Kritik an Gesellschaft oder Regierung
ist bei ihr nicht erkennbar. Selbst in einem Text über die
Kontrolle des Internet beklagt sie eigentlich nur die Geldverschwendung
dieses hoffnungslosen Unterfangens.
Wenn Liu Di von Tyrannei spricht, geht es anhand eines ausländischen
Romans darum, was Menschen anderen antun. Einmal nimmt sie russische
Dissidenten in Schutz, da Kritik an der Gesellschaft "eine
aufrichtige Haltung eines Intellektuellen" sei. In einem anderen
Text stellt sie infrage, ob der Sozialismus für alle Fragen
dauerhafte Lösungen geben kann. Es sei vielmehr seine Rolle,
mit konstruktiver Kritik den Fortschritt einer kapitalistischen
Gesellschaft voranzubringen. Damit weicht sie sicher von der Parteilinie
ab, aber in Chinas unter den Fittichen der KP gestarteter Marktwirtschaft
ist das wohl kaum staatsgefährdend. Meist bespricht sie ohnehin
ausländische Romane. Das Thema "Freiheit" und "Tugend"
gipfelt in der harmlosen Schlussfolgerung: "Nur wenn es das
Recht auf freie Entscheidung gibt, kann es Gutherzigkeit geben."
Da wundert es wenig, dass die Internetwächter bis heute übersehen
haben, ihre Webseite zu sperren, während politisch heikle Seiten
von Amnesty International bis zur britischen BBC für chinesische
Internetnutzer blockiert sind. Liu Dis Schicksal hat inzwischen
zu einem Proteststurm im chinesischen Internet geführt. Hinter
der Kampagne steckte auch der Autor Du Daobin, der schon lange und
viel deutlicher gegen die Willkür und Tyrannei angeht. Bei
ihm klopfte vergangene Woche die Staatssicherheit an. Die Beamten
nahmen den 40-Jährigen fest, konfiszierten seine Computer,
Bücher und eigene Schriften. "Er hat die Grenze überschritten",
sagte ein Polizist. (Andreas Landwehr, dpa) / (jk/c't)
Original unter: http://www.heise.de/newsticker/meldung/41779