Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom
12.01.2004
Shenzhen - eine chinesische Stadt lebt vom Spielzeug
Chinesen sind billiger als Maschinen
Zwei Drittel aller weltweit verkauften Spielwaren
stammen aus China. Dort wird unter unbeschreiblichen Bedingungen
produziert. Viele Beschäftige an den Fließbändern
sind den Fabrikanten hilflos ausgeliefert. Manche Arbeiterinnen
sterben einfach an Erschöpfung.
Von Harald Maass, Shenzhen
Es riecht nach verbranntem Plastik. Mit routinierten Griffen steuern
die Frauen die großen Stahlkästen, in denen die Spielzeugteile
geschmolzen werden. Halbe Plastikpistolen fallen aus einer Maschine.
Eine andere stellt hellrosa Plastikgehäuse her - aus ihnen
werden später Spielzeugfotoapparate. Zehntausende Spielzeugteile
werden in dem dunklen Fabrikraum jeden Tag hergestellt. "Das
ist alles für den Export", sagt der Manager Liang Shihong
und führt die Besucher raschen Schritts in die nächste
Fabrikhalle, in der einige hundert Frauen das Spielzeug an Fließbändern
zusammenstecken.
Wenige Städte in China sind so hässlich wie Shenzhen,
eine Industriemetropole mit rund zehn Millionen Einwohnern nahe
Hongkong. So weit das Auge reicht reihen sich Fabriken aneinander
- eilig errichtete Betonbauten mit weißen Kacheln an den Fassaden.
Über die sechsspurigen Straßen holpern stinkende Lastwagen,
die Container mit Gütern zum Hafen bringen. Hunderttausende
chinesische Arbeiter sitzen an Fließbändern und bauen
Spielzeug zusammen. Teddybären, Elektronikspiele, Puppen, Holzfiguren,
Plastikbausteine - nirgendwo auf der Welt wird mehr Spielzeug hergestellt
als in den rund 1600 Spielzeugfabriken der Stadt.
"Wir können jede Art von Spielzeug herstellen",
sagt der Manager Liang. Seit 1986 exportiert die von ihm geleitete
Gealex-Spielzeugfabrik nach Europa und Amerika. In einer Vitrine
neben der Buchhaltung stehen die Verkaufsschlager der vergangenen
Jahre: ferngesteuerte Modellautos, leuchtende Star-Wars-Figuren,
singende Puppen, Spielzeuggewehre. An der Wand hängt ein Plastikskelett,
das bei Dunkelheit schimmert. "Das ist für Halloween in
Amerika", erklärt Liang. Der Name Gealex taucht auf dem
Spielzeug nicht auf. Die lustigen Figuren aus amerikanischen Zeichentrickfilmen,
die blinkenden Schmuckkästchen oder Handy-Imitationen werden
in Europa und den USA unter den Markennamen der Auftraggeber verkauft.
"Wir stellen die Sachen nur her", erklärt Liang.
Für die Auftraggeber ist vor allem wichtig, dass Gealex die
geforderte Qualität "billig produziert".
Sun steckt Plastikgriffe an Spielzeugpistolen. Mit der linken Hand
nimmt die 23-Jährige die Pistole vom Fließband, befestigt
die Griffe, prüft das Spielzeug kurz und legt es dann wieder
zurück. Rund 400 Frauen sitzen an den Fließbändern
in der großen Halle. Die Wände sind kahl und weiß
gestrichen, von der Decke hängen Neonlampen. Genau 2008 Pistolen
hat Sun seit dem Schichtbeginn um acht Uhr zusammengesetzt, ein
Vorarbeiter notiert die Produktionszahlen auf einer Tafel. Bis zum
Abend werden noch ein paar tausend Pistolen dazukommen. Acht bis
elf Stunden arbeitet Sun am Tag, sechs Tage in der Woche. Für
Sun, die aus einer Bauernfamilie in Hunan stammt, ist es wichtig,
dass sie Arbeit hat. 700 Yuan verdient sie im Monat - rund 70 Euro.
Macht ihr die Arbeit Spaß? Die junge Frau kichert nur verständnislos.
China ist der größte Spielzeugfabrikant der Welt. Zwei
Drittel aller Spielsachen werden von chinesischen Arbeitern produziert,
das meiste in Südchina. Von den insgesamt 10 000 chinesischen
Spielzeugfabriken sind 8000 in der Südprovinz Guangdong, die
meisten sind im Besitz von Managern aus Hongkong oder Taiwan. Die
Produktion ist primitiv. Vom Ausstanzen der Plastikteile, dem Löten
der Platinen für die Elektronik bis hin zum Falten der Verpackungskartons
- jeder Arbeitsschritt wird bei Gealex von Hand gemacht. Für
die Firmenbesitzer ist die Arbeit der Menschen billiger als der
Einsatz von Maschinen. Mindestens 600 000 Wanderarbeiter, die meisten
davon sind junge Frauen aus den armen Hinterlandprovinzen, verdienen
an den Fließbändern der Spielzeugfabriken ihren Lebensunterhalt.
Die Arbeiter, die meisten leben in Schlafsälen der Fabrik,
sind den Besitzern ausgeliefert. Weil Gewerkschaften verboten sind,
können die Firmenbesitzer die Löhne beliebig kürzen
und Überstunden ansetzen. Einer Untersuchung des in Hongkong
ansässigen Christlichen Industriekomitees zufolge erhalten
manche der Fließbandarbeiter nur 300 Yuan im Monat - 30 Euro.
Wer mehr verdienen will, muss im Akkord schuften. Die Bedingungen
sind hart: Oft erkranken die Frauen an den giftigen Dämpfen
der Kleber und Chemikalien, verletzen sich an Maschinen oder sterben
einfach an Erschöpfung.
Von acht Uhr morgens bis nach Mitternacht musste Li Chunmei in
einer Spielzeugfarbik arbeiten, bis sie eines Nachts im Bad ihrer
Wohnheimes zusammenbrach. Sie sei gestorben, bevor der Krankenwagen
gekommen sei, berichtete die "Washington Post". "Guolaosi"
nennen Chinas Zeitungen das Phänomen - Tod durch Überarbeitung.
"Die Konkurrenz ist in unserem Geschäft hart", sagt
der Manager Liang. Er sieht müde aus. Um weiterhin Aufträge
zu bekommen, müsse er die Kosten immer weiter drücken,
erklärt Liang. Dabei bemühe er sich, die gesetzlichen
Bestimmungen einzuhalten. Auch in der Hauptsaison stünden die
Arbeiter nicht mehr als elf Stunden am Fließband. "Bevor
wir mit der Massenproduktion beginnen, lassen wir das Spielzeug
von einer Regierungsbehörde testen", sagt Liang. Das alles
kostet Geld, und es unterscheidet Liangs Unternehmen von den meisten
anderen chinesischen Spielzeugfabriken. Die meisten Fabriken arbeiten
nämlich im Verborgenen.
Profiteur dieses Systems ist die Spielzeugindustrie. Internationale
Konzerne erwirtschaften mit Kinderspielzeug Milliardenumsätze.
Aber auch Handelsriesen, Restaurantketten oder Schokokonzerne profitieren
von niedrigen Produktionskosten. Die westlichen Firmen legen heute
nur noch das Design fest, organisieren das Marketing und den Verkauf.
Die Produktion findet in China statt.
"Die großen internationalen Firmen haben Monopol",
sagt Mai Qingzhao von der Shenzhener Vereinigung der Spielzeugfabrikanten.
Um möglichst rasch auf neue Trends reagieren zu können,
drängen die Konzerne die chinesischen Fabriken zu immer kürzeren
Lieferzeiten. Weil die Fabriken von den Auftraggebern abhängig
sind, können die Spielzeugfirmen die Preise immer tiefer drücken.
Eine von Gealex in Shenzhen hergestellte Spielzeugkamera kostet
nach Branchenschätzungen nicht viel mehr als einen Euro. Die
Lohnkosten betragen dabei nur wenige Cent. In Spielzeugläden
in den USA wird die Kamera für 19,99 Dollar verkauft.
Unter dem Druck christlicher Verbände und Konsumenten verfasste
der Weltverband der Spielzeugfabriken im Jahr 2001 einen Verhaltenskodex,
der Kinderarbeit, Misshandlung oder Ausbeutung von Arbeitern verhindern
soll. Auch deutsche Hersteller und Händler bekennen sich zu
ethischen Mindeststandards. Das Problem ist jedoch, dass die westlichen
Auftraggeber meist keine Ahnung haben, wie es in den Fabriken aussieht.
Die Konzerne diktieren zwar die Preise, das schmutzige Geschäft
überlassen sie jedoch oft Zwischenfirmen in Hongkong. Die Mittelsmänner
reisen zu den Fabriken, kontrollieren die Qualität und sorgen
für die Verschiffung.
Die Firma Yihua produziert mit 400 Angestellten Spielzeug für
den Export. An langen Tischen stopfen Arbeiterinnen Füllungen
in Teddybären. "Wir arbeiten jetzt schon die Aufträge
für den Valentinstag ab", sagt der Firmenchef Wu Youxiang.
Die Treppen und Wände der Betonhalle starren vor Dreck, durch
die kleinen Fenster scheint nur diffuses Licht in den Raum. Offenbar
gibt es in der Halle keinen Brandschutz, überall auf dem Boden
liegen Materialien. Auf Fragen nach den Arbeitszeiten geben die
Angestellten ausweichende Antworten. Ginge es nach den Auflagen
der internationalen Spielzeughersteller, müsste die Fabrik
geschlossen werden. Würde dies einen Unterschied bedeuten?
"In den Fabriken sieht es überall gleich aus", sagt
eine der Näherinnen.